Rheinische Post

Daumenkino auf Deutschlandreise

Stellen Sie sich vor, mitten im Wald kommt Ihnen ein junger Mann mit einer Art Bauchladen entgegen. Er geht direkt auf Sie zu und fragt, ob Sie seine Daumenkinos anschauen wollen. Spätestens jetzt werden Sie denken: ‚Der ist verrückt!’. Dabei meint dieser Mann es durchaus ernst.

Volker Gehrling, ausgebildeter Kameramann, bezeichnet sich als Daumenkinograph. Normalerweise zeigt der gebürtige Rheinländer seine Daumenkinos vor allem auf dem Prenzlauer Berg oder in Berlin Mitte. Dort findet er immer sein Publikum, unter den Kreativen, den Ausgeflippten, den Künstlern und denen, die es gerne wären. Interessiert schaut sich jeder die kurzen Fotoabfolgen an und gibt eine kleine Spende als ‚Austritt’ nach dem ‚Kino’- Vergnügen. Auch die ersten Ausstellungen in Kunstgalerien hat er erfolgreich hinter sich gebracht.

Doch Volker will mehr. Nach alter Handwerkertradition ist er seit dem 25. Mai auf der Walz: Mit nur einem Euro pro Tag will er drei Monate zu Fuß durch Deutschland reisen, um seine Daumenkinos als Wanderausstellung vorzuführen.
Von der Museumsinsel in Berlin ist er gestartet, quer durch den Tiergarten und über die legendäre Prachtstraße ‚Unter den Linden’. Der erste Daumenkinobesucher war ein kleines Mädchen, die Tochter einer italienischen Eisverkäuferin, die Volker daraufhin ein Eis spendierte. Auf dieselbe Weise kam er kurz darauf zu einem Brötchen und etwas Obst.
Am Wannsee verbrachte er die erste Nacht, am nächsten Tag ging es über Wanderwege und Landstraßen mitten ins ländliche Brandenburg. Dort reagierten die Leute anders auf die Daumenkinos: Meistens blieb es bei einem freundlichen, aber auch etwas hilflosen: „Einwandfrei!“. Die Frau eines Gemüsehändlers aus dem Potsdamer Landkreis fasste es deutlicher: „So was brauchen wir hier nicht!“

Aber Unterstützung und freundliche Aufnahme fand Volker überall. Allerdings nicht als Künstler, sondern als Wanderer. „Ich brauchte schon ein wenig Zeit, mich an diese neue Rolle zu gewöhnen.“

Inzwischen ist Volker bis Leipzig gewandert. Dort will er seinen strapazierten Füßen ein wenig Ruhe gönnen. Mit den Sachsen hat er bisher sehr gute Erfahrungen gemacht. „Sonst muss ich die Leute immer ansprechen, hier kommen sie von ganz alleine auf mich zu!“

Danach geht es weiter gen Süden, durch Thüringen, Franken, Bayern und Schwaben bis nach Zürich. Dort wohnt ein Daumenkinosammler, den Volker besuchen möchte. Enden soll die Rundreise im Rheinland.

Neben der Freiheit des Wanderns geht es Volker vor allem darum herauszufinden, wie die Menschen auf seine geliebten Daumenkinos reagieren. Die meisten davon produziert er, indem er innerhalb von 12 Sekunden einen kompletten 36er Film belichtet. Dabei entstehen Momentaufnahmen, die eine Geste, einen Gesichtsausdruck oder nur einen Augenaufschlag dokumentieren. Einmal nimmt Volker sich selbst während einer Achterbahnfahrt auf, ein anderes Mal macht er über eine ganze Nacht hinweg Fotos von einem Plattenbau, der sich im Licht von unter- und aufgehender Sonne und Straßenlaternen verändert.

Beim Daumenkino fasziniert ihn, dass der Betrachter die Vorführung im wahrsten Sinne des Wortes selbst in der Hand hat. Es steht jedem frei, langsam oder schnell zu blättern, einzelne Bilder in Ruhe zu betrachten, den eigenen Rhythmus zu finden.

Trotz der Begeisterung für Daumenkinos: Volker geht es bei der Reise auch darum, einen neuen Weg einzuschlagen. Zur Ruhe kommen. Mit Menschen sprechen, die sonst hinter den Glasscheiben von Auto oder Zug schweigend vorbeiziehen. Neben manchem Lachen oder Kopfschütteln wird ihn der eine oder andere beneiden, weil er für die Dauer der Reise sein eigenes Leben zum Daumenkino macht und auch die Leerstellen erleben will, die andere so verzweifelt vermeiden.

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Autor: Niklas Schaab

 
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